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Januar 2017

Interview mit Prof. Ruth Rissing-van Saan

Internationaler Organhandel spielt zunehmend eine größere Rolle

Berlin (pag) – Prof. Ruth Rissing-van Saan leitet die Vertrauensstelle Transplantationsmedizin. Im „Interview des Monats“ erläutert sie, wer sich an die Stelle wendet und inwiefern die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit die Ratsuchenden bewegt. Ihrer Einschätzung zufolge wird das Thema Lebendorganspende immer wichtiger: Hierzulande gebe es eine größere Zahl gegen Bezahlung „spendenwillige“ Mitbürger. Die ehemalige Richterin hat außerdem beobachtet, dass der internationale Organhandel in der Vertrauensstelle in letzter Zeit zunehmend eine größere Rolle spielt.

Sie leiten die Vertrauensstelle seit ihrem Bestehen: Wer wendet sich an Sie?

Prof. Rissing-van Saan: Patienten oder deren Angehörige mit Beschwerden oder Fragen, aber auch Bürger, die an bestimmten Themen der Transplantationsmedizin interessiert sind. Von Beginn an sind es zudem Ärztinnen und Ärzte sowie Personen aus dem Pflegebereich, die sich mit Fragen bei uns melden oder um Rat und Unterstützung bitten. Dabei geht es um die eigenen Erfahrungen im Klinikalltag, auch spezielle Probleme in konkreten Transplantationsfällen werden von ihnen gemeldet. Die Mehrzahl der nicht sehr häufigen anonymen Hinweise auf mögliche Missstände in einer Klinik kommt aus dem medizinischen Bereich.

Können Sie etwas konkret zu den Fällen sagen, mit denen Sie sich beschäftigen?

Prof. Rissing-van Saan: Das Spektrum der an mich herangetragenen Fälle ist sehr breit: Zu Beginn, das heißt kurz nach Bekanntwerden von möglichen Manipulationen bei der Zuteilung von Spenderorganen, waren es viele allgemeine Meinungsäußerungen und Verbesserungsvorschläge für eine gerechte Organverteilung. Es kamen aber auch konkrete, einzelfallbezogene Beschwerden sowie Hinweise auf Versäumnisse oder Fehler in bestimmten Kliniken oder von einzelnen Ärzten. Thematisiert wurden dabei schwerpunktmäßig Probleme von lange auf der Warteliste stehenden Patienten. Besonders im vergangenen Jahr haben auch Unsicherheiten mit der Feststellung des Hirntodes eine Rolle gespielt. Ferner geht es um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, vor allem mit Blick auf ausländische Patienten, sowie in jüngster Zeit verstärkt zur Lebendorganspende.

Inwiefern ist die Lebendorganspende bei Ihnen ein Thema?

Prof. Rissing-van Saan: Es sind bereits Fragen deutscher Mitbürger an die Vertrauensstelle herangetragen worden, die beabsichtigen – gegen ein entsprechendes Entgelt – beispielsweise eine Niere zu spenden. Motiviert sind sie offensichtlich durch eigene finanzielle Bedürfnisse und durch Medienberichte über fehlende postmortale Organspenden. Nach meiner Einschätzung gibt es in unserem Land eine größere Zahl gegen Bezahlung „spendenwillige“ Mitbürger. Allen ist nur dringend zu raten, dies nicht zu tun – schon aus eigenem Gesundheitsinteresse, vor allem aber, weil der Verkauf des eigenen Organs in Deutschland strafbar ist!

Sie erwähnten das Stichwort Verteilungsgerechtigkeit: Welche Fragen beschäftigen dabei die Ratsuchenden?

Prof. Rissing-van Saan: Die Verteilungsgerechtigkeit ist vor allem für Transplantationspatienten und deren Angehörige sowie für interessierte Bürger ein Schwerpunktthema. Dabei spielt hauptsächlich die in der Regel lange Wartezeit eine Rolle – vor allem bei der Warteliste für eine Nierentransplantation. Die Patienten sorgen sich aufgrund ihrer langen Wartezeit oder gesundheitlichen Disposition darum, ob sie eventuell bei der medizinischen Beurteilung ihrer Voraussetzungen für eine Transplantation benachteiligt wurden oder werden. Die große Zahl von Flüchtlingen in Deutschland, die auch zu einer höheren Anzahl schwerkranker, hilfsbedürftiger Menschen und eventuell auch potentieller Transplantationspatienten geführt hat, verstärkt bereits bestehende Befürchtungen. In dieser Situation ist die Gefahr beziehungsweise Verlockung von ausländischen Organangeboten, die über das Internet nach Deutschland gelangen, nicht zu unterschätzen.

Das heißt, der internationale Organhandel spielt bei Ihnen in der Vertrauensstelle auch eine Rolle?

Prof. Rissing-van Saan: Ja, in letzter Zeit spielt er sogar eine zunehmend größere Rolle. Zwar ist in Deutschland der Organhandel, sprich der Ankauf und Verkauf eines menschlichen Organs oder Gewebes nach den Paragraphen 17 und 18 des Transplantationsgesetzes, strafbar, aber international trotz seiner Ächtung zwischen einzelnen Personen oder organisierten Vereinigungen offenbar ungehindert möglich. Es haben mich in den letzten zwei Jahren zahlreiche Hinweise von Kliniken, dem Bundesgesundheitsministerium oder anderen Institutionen wie der Deutschen Stiftung Organtransplantation und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erreicht. Sie alle haben auf digitalem Weg aus dem Ausland gezielt teils verklausulierte, teils offen formulierte Organangebote erhalten.

Wie reagieren Sie?

Prof. Rissing-van Saan: Ich habe diese Anzeigen in der Regel an die zuständigen Staatsanwaltschaften mit der Bitte um Überprüfung weitergeleitet. Diese haben allerdings einen unterschiedlich großen „Ermitttlungseifer“ an den Tag gelegt – offensichtlich, weil ihnen, also den regionalen Ermittlungsbehörden, die Brisanz des Themas nicht präsent ist. Die Situation kann dazu führen, dass sich Ärzte und Kliniken zumindest in einem Gewissenskonflikt befinden, wenn sie hierzulande einen Patienten behandeln sollen, der sich im Ausland nicht ausschließbar auf illegalem Weg ein Organ hat transplantieren lassen. Fälle dieser Art sind in jüngster Zeit zur Vertrauensstelle gelangt.

Frau Prof. Rissing-van Saan, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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© pag / Maybaum

Prof. Ruth Rissing-van Saan

  • Leiterin der Vertrauensstelle Transplantationsmedizin
  • Seit 2008 Honorarprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum
  • Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof i.R.

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