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Juli 2016

Interview mit von Knoblauch zu Hatzbach

Warum die Ärztekammer Hessen eine ambulante Ethikberatung startet

Berlin (pag) – In Hessen beginnt eine nach Angaben der Verantwortlichen bundesweit einzigartige Initiative zur Beratung ethischer Konflikte im ambulanten Bereich. „Es bedarf einer Anlaufstelle für ethische Fragestellungen, an die sich alle Betroffenen wenden können – ob Patienten, Ärzte, Pfleger oder Angehörige“, sagt Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen. Im Interview des Monats erläutert er die Hintergründe des neuen Beratungsangebots.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine ambulante Ethikberatung zu gründen?
von Knoblauch zu Hatzbach: Während meiner Tätigkeit im Rahmen der ambulanten fachärztlichen internistischen Versorgung von Patienten bin ich selbst immer wieder mit Situationen konfrontiert worden, die ethische Fragestellungen betreffen. Auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben mir von solchen Erfahrungen berichtet. Doch im ambulanten Bereich sind die Handelnden in solchen Situationen bislang auf sich alleine gestellt. In der ambulanten und häuslichen Betreuung und Versorgung Schwerstkranker sind viele Akteure um Patienten bemüht, unter anderem Angehörige, Pflege, Ärzte, Betreuer, die bei wichtigen Entscheidungen mehr oder weniger beteiligt sind, wie etwa bei Fragen der Ernährung oder einer Therapieziel-Änderungen am Lebensende. Die Erfahrung zeigt, dass dies zu Konflikten zwischen den Beteiligten führen kann. Auch die Änderung oder Anpassung des gewohnten Lebensrhythmus an Vorgaben durch die Pflegenden stellt schon einen hohen psychischen Anspruch an die zu versorgenden Menschen. Mit unserem Beratungsangebot können wir frühzeitig die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen neutral herausarbeiten und auf diese Weise im Sinne der Betroffenen zu einem Konsens gelangen.

In vielen Kliniken gehören Ethikkommissionen mittlerweile zum Standard, im ambulanten Sektor sind Sie mit Ihrer Initiative noch eine Ausnahmeerscheinung. Woher rührt dieser auffällige Unterschied?
von Knoblauch zu Hatzbach: In Hessen und in vielen anderen Bundesländern ist die Bestellung eines Ethikbeauftragten für jedes Krankenhaus gesetzlich vorgeschrieben – vermutlich, weil sich in den Krankenhäusern Fragen zur Lebensendzeit und zu schwerwiegenden therapeutischen Entscheidungen augenfälliger aufdrängen. Für den ambulanten Bereich gibt es ein solches verpflichtendes Angebot nicht. Nicht weniger ausgeprägt sind mögliche Konflikte im Bereich der Pflege zu Hause oder in Heimen. Hier liegt eine große Chance für das Eingehen auf die Belange der umsorgten Patienten mit einem subsidiären Angebot.

Wie soll die Beratung konkret ablaufen?
von Knoblauch zu Hatzbach: In den vergangenen Monaten haben sich aus verschiedenen Fachrichtungen und Berufsgruppen bereits 27 Personen als Ethikberater qualifiziert, unter ihnen Ärzte, Pfleger, Juristen, Betreuer oder Theologen. Als Grundlage für die Ausbildung wurde das bundesweit anerkannte Curriculum für stationäre Ethikkommissionen der Akademie für Ethik in der Medizin für den ambulanten Bereich angepasst. Ab Herbst 2016 beginnen die Berater in zwei Modellregionen (Marburg-Biedenkopf und Frankfurt am Main/Offenbach) mit ihrer Tätigkeit. Zu diesem Zweck wird bei den Bezirksärztekammern in Frankfurt und Marburg eine eigene Telefonnummer eingerichtet, an die sich die Betroffenen zunächst wenden können. Die Daten und das Anliegen werden von den Mitarbeiterinnen aufgenommen und an die Berater vor Ort weitergeleitet. Zunächst wird dann darüber entschieden, ob es sich um einen ethischen oder möglicherweise um einen rechtlichen oder medizinischen Konflikt handelt.

Im Falle einer ethischen Fragestellung...
von Knoblauch zu Hatzbach: ... sieht der weitere Verlauf vor, dass alle beteiligten Parteien – behandelnde Ärzte, Angehörige und der Patient selbst – sich zum Austausch treffen. Die Berater treten im Gespräch als Duo auf, bei dem einer die Rolle des Moderators und der andere die des Protokollanten einnimmt. Bei ihrer Arbeit kommt es vor allem darauf an, in der Auseinandersetzung mit allen Parteien die nötige Neutralität zu wahren und die verschiedenen Meinungen und Ansichten zu sammeln und offenzulegen. Unter Einbezug ethischer Kriterien soll auf diese Weise zur individuellen Lösungsfindung im Sinne der Betroffenen beigetragen werden. Die Berater bieten hierbei jedoch lediglich Hilfestellung an. Der gesamte Vorgang wird protokolliert und für die Patientenakte dokumentiert.

Der Verein beginnt mit seiner Arbeit im Herbst. Gibt es bereits jetzt Reaktionen aus der Ärzteschaft?
von Knoblauch zu Hatzbach: Die Veröffentlichung über die Initiative ist auf große Resonanz gestoßen, nicht nur von Seiten der Ärzteschaft. Es wurden bereits mehrere Anfragen zu dem Modell aber auch zu Möglichkeiten der Beteiligung an uns herangetragen, ebenso nach dem Angebot der Qualifizierung.

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© pag, Maybaum

Kurzvita

  • seit 1982: in ambulanter fachärztlicher internistischer Versorgung; fortlaufend Palliativmedizin, ehrenamtliche Hospizarbeit
  • seit 2008: Präsident der Landesärztekammer Hessen
  • seit 2012: Stellvertretender Vorsitzender der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung e.V. (HAGE)

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