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Mai 2016

Interview mit Prof. Doris Schaeffer

„Um die Gesundheitskompetenz der Deutschen ist es nicht gut bestellt“

Berlin (pag) – Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hält eine „gemeinsame Kraftanstrengung“ für notwendig, um das Gesundheitswissen der Deutschen zu verbessern. Eine Studie der Universität Bielefeld hat erhebliche Defizite ermittelt. Mit einem „Nationalen Aktionsplan für Gesundheitskompetenz“, dessen Schirmherr Gröhe ist, soll das Problem angegangen werden. Im Interview des Monats haben wir dazu Studienautorin Prof. Doris Schaeffer befragt. Sie fordert: Das deutsche Gesundheitssystem sollte nutzerfreundlicher gestaltet werden.

Wie lautet die wichtigste Erkenntnis Ihrer Studie?
Prof. Doris Schaeffer: Um die Gesundheitskompetenz der Deutschen ist es nicht gut bestellt: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung – konkret 54 Prozent – hat eine eingeschränkte Kompetenz und damit Schwierigkeiten bei dem Verständnis oder der Verarbeitung von Gesundheitsinformationen. Wer aber nicht über ein Mindestmaß verfügt, hat es schwer, sich im System zurechtzufinden oder ein angemessenes Gesundheitsverhalten zu entwickeln.

Hat es Sie überrascht, dass die Health Literacy der Deutschen so bescheiden ist?
Schaeffer: Der hohe Anteil eingeschränkter Gesundheitskompetenz hat uns tatsächlich überrascht, denn er liegt höher als bisherige Untersuchungen andeuteten und auch höher als in manchem Nachbarland. Eine mögliche Erklärung dafür könnte in der Komplexität des deutschen Gesundheitssystems liegen, das zwar sehr leistungsfähig ist, aber auch hohe Anforderungen an die Nutzer stellt.

Was sind für Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz die größten Hürden?
Schaeffer: Besonders schwer fällt es ihnen, Informationen einzuschätzen: beispielsweise unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen, einzuschätzen, wann eine ärztliche Zweitmeinung erforderlich ist oder Packungsbeilagen von Medikamenten zu bewerten. Sie haben häufiger einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand und leiden öfter unter chronischen Erkrankungen. Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz sind außerdem häufiger im Krankenhaus und nutzen vermehrt den ärztlichen Notfalldienst.
Unsere Studie zeigt zugleich große soziale Unterschiede: Der Anteil an Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz ist in bestimmten Bevölkerungsgruppen besonders hoch. Dazu gehören Personen mit niedrigem Bildungsgrad und sozio-ökonomischem Status, mit Migrationshintergrund und im höheren Lebensalter.

Wie können vulnerable Gruppen zukünftig besser erreicht werden?
Schaeffer: Die Aufbereitung und Vermittlung von Gesundheitsinformation muss neu gestaltet werden. Um die Chancengleichheit zu erhöhen, sind zielgruppenspezifische, kultursensible Strategien zur Förderung der Gesundheitskompetenz erforderlich. Wir benötigen außerdem leicht verständliche Informationen und mehr visuelle Materialien. Zugleich sollte unser Gesundheitssystem nutzerfreundlicher gestalten werden.

Wie bekommt man mehr Nutzerfreundlichkeit ins System?
Das beginnt beispielsweise mit Schulungen der Gesundheitsprofessionen: Ziel ist es, sie für die Kommunikation, die Vermittlung von Information und die Kompetenzförderung speziell vulnerabler Gruppen zu sensibilisieren und besser zu qualifizieren. Es geht weiter über eine informativere Gestaltung des Gesundheitssystems und reicht bis hin zu einfachen Zugangswegen zu Diensten und Leistungen.

Das dürfte eine Herkules-Aufgabe sein. Gleiches gilt für die umfassende Strategie, die Sie angekündigt haben. Nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch Bildungssektor und Forschung wollen Sie erreichen...
Schaeffer: Ja, wir benötigen einen umfassenden Nationalen Aktionsplan, einzelne Schritte reichen nicht aus. Ebenso reicht es nicht, sich ausschließlich auf das Gesundheitswesen zu konzentrieren. Vielmehr müssen wir – beispielsweise mit Blick auf Kinder und Jugendliche – auch darüber nachdenken, was in den Schulen und Bildungseinrichtungen geschehen muss, um die Gesundheitskompetenz zu verbessern. Konkret geht es beispielsweise darum, die Qualifizierung der Lehrer entsprechend anzupassen, ebenso die der Erzieher oder Ausbilder. Auch die Forschung zur Gesundheitskompetenz muss einbezogen werden, denn sie steht in Deutschland noch am Anfang. Die Kompetenz der Bevölkerung sollte künftig regelmäßig gemessen und untersucht werden, auch das empirische Wissen über einzelne Bevölkerungsgruppen gilt es zu vertiefen. Schließlich ist Gesundheitskompetenz, wie die Studie zeigt, ein Indikator dafür, wie gut die Bevölkerung auf die wachsenden gesundheitlichen Herausforderungen in Zeiten von komplexen Arbeits- und Lebensanforderungen vorbereitet ist.

Gibt es bereits erste Eckpfeiler für die Strategie?
Schaeffer: An der Universität Bielefeld, der Hertie School of Governance und beim AOK-Bundesverband haben wir die Initiative zur Erarbeitung eines Nationalen Aktionsplans ins Leben gerufen. Gesundheitsminister Gröhe hat inzwischen die Schirmherrschaft über die Initiative übernommen, die Robert Bosch Stiftung die Förderung. Der Plan soll in den kommenden Monaten mit einer Gruppe ausgewählter Experten aus unterschiedlichen Disziplinen erarbeitet und Ende 2017 vorgelegt werden. Wir hoffen sehr, damit auf offene Ohren zu stoßen und dem Thema zu größerer Resonanz zu verhelfen.

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© privat

Kurzvita

  • seit 1997 Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld
  • zuvor u.a. am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und an der FU Berlin
  • Forschungsschwerpunkte: Bewältigung chronischer Krankheit und von Gesundheitsproblemen im Alter; nutzerorientierte Versorgungsgestaltung; Theorie- und Forschungsentwicklung zu Pflege, Case Management, Health Literacy, Selbstmanagementunterstützung usw.

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