
Wiesbaden – Mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung sind älter als 65 Jahre. Knapp 40 Prozent der über 65-Jährigen haben bis zu vier Erkrankungen gleichzeitig. Sie sind auf ärztliche oder pflegerische Behandlung angewiesen. Bisherige Studien berücksichtigten dies zu wenig, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) anlässlich des 118. Internistenkongresses.
Sie fordert eine Neuorientierung in der Erforschung von Multimorbidität. Der medizinische Fortschritt führe dazu, dass Patienten mit Erkrankungen immer länger leben. Vor allem ältere Menschen seien auf verschiedene Medikamente angewiesen und nicht selten im Alltag erheblich eingeschränkt. Mehr als zwei Millionen Bundesbürger gelten als pflegebedürftig. „Ziel der Diagnostik und Therapie älterer Menschen ist demzufolge primär der Erhalt der Funktionalität und damit der Eigenständigkeit und Lebensqualität“, erläutert Prof. Dr. Cornel Sieber, Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. „Anstelle der Heilung tritt also immer mehr der Aspekt des Verhinderns von physischen und psychischen Einschränkungen“, sagt er.
Häufig bewegten sich diese Patienten unsicher. Immobilität und Gangunsicherheit wiederum erhöhten die Risiken für Stürze und Knochenbrüche und spätere Bettlägerigkeit. Mitunter entwickelten Patienten in diesem Alter auch Angststörungen. „Sobald weitere häufig auftretende, altersbedingte Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Stoffwechselstörungen oder Demenz hinzukommen ist der Teufelskreis aus Medikation und Therapie kaum noch zu bewältigen“, führt Sieber aus. So habe eine amerikanische Studie gezeigt, dass Patienten mit fünf Erkrankungen durchschnittlich zwölf verschiedene Substanzen zu sich nehmen müssten. Das Risiko unüberschaubarer Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Präparaten und weiterer Folgeerkrankungen steige damit erheblich an.
Studien, die diese Patientengruppe hinreichend untersuchen und entscheidende Fortschritte in ihrer Behandlung befördern, seien in der Forschung deutlich unterrepräsentiert, bedauert die DGIM. „Da wir künftig jedoch mit einer Zunahme dieser Krankenfälle zu rechnen haben, muss die Gesundheitsforschung hier entscheidende Schritte vorankommen“, fordert DGIM-Präsident Prof. Dr. Joachim Mössner vom Universitätsklinikum Leipzig.
Die Forschung muss multimorbide Menschen stärker berücksichtigen, fordern die Internisten. © Uschi Dreiucker, Pixelio.de