Interview des Monat mit Prof. Martin LambertModellprojekt organisiert psychotherapeutische Versorgung neu
Berlin (pag) – Starre Sektorengrenzen belasten in der psychotherapeutischen Versorgung Patienten und Behandler. Diese überwinden will das Modellprojekt RECOVER, das einen schweregradgestuften Ansatz verfolgt. Im Interview des Monats berichtet Prof. Martin Lambert, worin ein echter Mehrwert für Patienten besteht.
Herr Prof. Lambert, was ist das Besondere des RECOVER-Modells? Und welchen Mehrwert hat es für Patienten im Vergleich zur Regelversorgung?
Lambert: Das RECOVER-Modell ist ein integriertes, sektorenüberschreitendes, schweregradgestuftes Modell. Implementiert haben wir das Projekt am UKE in Hamburg und zwischen 2017 und 2021 in einer umfangreichen Studie erprobt. Besonders ist das schweregradgestufte Modell mit vier Stufen – von leichten bis zu anhaltenden schweren psychischen Erkrankungen.
Was bedeutet das genau?
Lambert: Jeder Stufe werden evidenzbasierte Interventionen zugeordnet. Am Anfang bekommen alle Patienten Zugang zu einem sogenannten Liaison-Team, welches die Diagnostik übernimmt, die Therapie plant und die Versorgung organisiert, inklusive einer Psychotherapie. Sind Patienten zu Beginn akut krank, bekommen sie Zugang zu dem sogenannten Crisis Resolution Team (CRT), ähnlich einer stationsäquivalenten Behandlung, und die Patienten werden dann zu Hause statt im Klinikum versorgt. Das CRT hat auch die Aufgabe, die stationäre Behandlung zu verkürzen. Gemeinsam mit den Klinik-Stationen können sie dafür sorgen, dass Patienten früher entlassen werden. Dann werden sie ein Jahr lang in den vier Stufen behandelt. Während Patienten der ersten Stufe vorrangig digitale Therapie erhalten, liegt der Schwerpunkt der zweiten Stufe auf Kurzzeit- und Gruppenpsychotherapie. In der dritten Stufe kommt ein Case Manager sowie Zugang zur Langzeit-Psychotherapie hinzu und in der vierten Stufe bekommen die Patienten Zugang zu einem der Assertive Community Treatment Teams.
Wie gelingt es im RECOVER-Modell bisherige Brüche zwischen der ambulanten und stationären Versorgung zu überwinden?
Lambert: Im RECOVER-Modell erstellt das Liaison Team einen Therapieplan und vermittelt Patienten in die Therapie. Das heißt, Patienten sind dann etwa eine ambulante Psychotherapie gegangen und die Psychotherapeuten bekommen einen Brief mit diagnostischen Daten und einem möglichen Therapieplan. Im Brief steht weiterhin, dass Psychotherapeuten oder niedergelassene Ärzte jederzeit das Crisis Resolution Team anrufen können, wenn Patienten erneut akut erkranken oder suizidal werden. Dann kann die Behandlung gemeinsam fortgesetzt werden. Damit verbessert sich die sektorenübergreifende Versorgung. Ein echter Mehrwert für Patienten ist, dass sie nicht ohne Weiterversorgungsplan aus der Akutbehandlung in die ambulante Therapie gestartet sind, sondern dass das CRT für den Übergang in die ambulante Behandlung verantwortlich ist.
Lange Wartezeiten auf ambulante Therapieplätze setzen zuweilen Fehlanreize für unnötige Klinikaufenthalte. Wie stellt RECOVER sicher, dass der Zugang zu ambulanter Therapie zeitnah passiert?
Lambert: Im Prinzip haben wir Patienten der ersten Stufe den Zugang zur digitalen Therapie und Patienten der zweiten Stufe Zugang zu einer Gruppenpsychotherapie ermöglicht. Im gesättigten Versorgungssystem ist es ziemlich herausfordernd, sofort Einzelpsychotherapie zu organisieren. Auch deshalb haben wir zu Anfang für alle Gruppentherapien organisiert. Das hat auch gut funktioniert und ist um einiges besser, als einfach auf Therapie zu warten.
Der Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) hat RECOVER gefördert, aber nicht zur Überführung in die Regelversorgung empfohlen. Wie geht es jetzt weiter?
Lambert: Wir haben uns entschlossen, so viel wie möglich intern zu implementieren, über Finanzierung, die es schon gibt. Dafür sind wir auf Krankenkassen zugegangen und haben die neue integrierte Versorgung für therapieresistente Depressionen, also Patienten der Stufe drei, implementiert. Wir haben eRECOVER als Forschungsplattform implementiert, haben eine Liaison-Ambulanz in unserer Psychiatrischen Institutsambulanz realisiert. Auch eine gern von Patienten genutzte Online-Ambulanz konnten wir umsetzen. Insgesamt haben wir viele kleine Bausteine in die Regelversorgung gebracht. Weitere sind in Planung. Dazu gehört ein Prä-Forensik-Team, außerdem soll 2026 eine Ambulanz für Arbeit und mentale Gesundheit starten.