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Interviews
27.09.2017

Interview des Monats mit Prof. Martin Scherer Warum so viele Patienten in die Notaufnahme gehen

Berlin (pag) – Um eine Reform der Notfallversorgung wird momentan intensiv gerungen. Da kommen die Ergebnisse der Studie PiNo-Nord gerade recht, die Klientel, Behandlungspfade und Gründe für die gesteigerte Inanspruchnahme von Notaufnahmen untersucht. Von den wichtigsten Ergebnissen der Patientenbefragung berichtet Prof. Martin Scherer, Direktor des Instituts und der Poliklinik Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, im „Interview des Monats“.

Herr Prof. Scherer, was wollten Sie mit der Studie herausfinden?
Uns ging es darum zu ermitteln, ob die zunehmende Inanspruchnahme von Notaufnahmen darin begründet liegt, dass in der ambulanten Versorgung etwas schief läuft. Sind die vollen Notaufnahmen der seismografische Ausdruck für strukturelle Defizite im ambulanten Bereich? Oder sind es eher individuelle Beweggründe, die die Menschen, bisweilen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, in die Notaufnahmen treiben?

Welche Variante legen die Befragungsergebnisse nahe?
Die vollen Notaufnahmen sind eher ein Seismograf der eigenen Erwartungen. Ein Ergebnis unserer Studie lautet, dass sich über 50 Prozent der befragten Patienten nicht als Notfall einstuft. Für die Inanspruchnahme der Notaufnahme gibt es keine einzelnen Erklärungen, sondern vielfältige Gründe: Da spielt die subjektive Dringlichkeit des Gesundheitsproblems eine Rolle, die wahrgenommene ambulante Versorgungssituation, individuelle Patientenpräferenzen, aber auch Gesundheitskompetenz und die psychische Belastung der Patienten.

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie daraus?
Ein Fazit unserer Studie lautet, dass die Gesundheitskompetenz der Patienten gestärkt werden muss.

Inwiefern?
Unsere Befragung zeigt, dass viele einfach nicht wissen, wofür das ambulante Versorgungssystem gemacht ist und was man von ihm erwarten kann. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst kannte weniger als ein Drittel der von uns befragten Personen. Patienten geben beispielsweise an, dass keine Praxis geöffnet habe, und wissen nicht, dass sie über einen Anruf einen Arzt zu sich nach Hause kommen lassen können. Und weniger als die Hälfte kennt eine Notfallpraxis in der Nähe. Jeder Schüler bekommt hierzulande eingetrichtert,
wie das Wahlsystem funktioniert, lernt das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung kennen – aber unser Gesundheitssystem eben leider nicht.

Wo sehen Sie die größten Defizite?
Man muss viel besser kommunizieren, wofür unser System gemacht ist, das muss in die edukative Steigerung der Gesundheitskompetenz miteinbezogen werden. Wichtige Fragen sind etwa: Was bedeutet es, dass wir eine Solidargemeinschaft sind? Habe ich Anspruch, rund um die Uhr für jede Disziplin einen Spezialisten zur Verfügung zu haben? Oder habe ich rund um die Uhr Anspruch auf medizinische Hilfe – was nicht das gleiche ist. Und ganz konkret: Wir müssen die Fähigkeit der Menschen verbessern, sich vor der Notaufnahme im Gesundheitswesen zu orientieren. Dafür müssen die Strukturen aber auch vereinfacht und besser erklärt werden.

Die Studie wurde von zwei Kassenärztlichen Vereinigungen, Hamburg und Schleswig-Holstein, mitfinanziert. Was fangen die Kven jetzt mit Ihren Ergebnissen an?
Die kassenärztliche Vereinigung Hamburg hat beispielsweise basierend auf unseren Daten ein neues umfangreiches Bereitschaftsdient-und-Service-Projekt initiiert, den „Arztruf Hamburg“. Kernelemente sind telefonische ärztliche Beratung, ärztlicher Besuchsdienst rund um die Uhr, Patientenversorgung in Portalpraxen sowie Terminvermittlung an Facharzt-Praxen.

Weitere Informationen zum „Arztruf Hamburg“ im Hamburger Ärzteblatt


Zur Studie
PinNo Nord ist eine querschnittliche Beobachtungsstudie in fünf Kliniken in Hamburg und Schleswig-Holstein. In jeder Klinik fand im vergangenen Jahr für zwei volle Wochen (per Zufall verteilt über 8 Monate in Früh-, Spät- und Nachtschicht) die Datenerhebung statt. Es wurden alle volljährigen Patienten und Minderjährige mit Erziehungsberechtigten in die Studie eingeschlossen, sofern sie in der Lage waren, sich selbst anzumelden, die Behandlung durch das Klinikpersonal nicht als dringend eingestuft wurde, Einwilligungsfähigkeit vorlag und mindestens eine rudimentäre Verständigung auf Deutsch oder Englisch möglich war. Als Datenquelle dienten eine mündliche und schriftliche Patientenbefragung sowie ärztliche Diagnosen der Kliniken. Insgesamt wurden  rund 1.300 Patienten befragt. Bezahlt wurde die Studie von den KVen Hamburg und Schleswig-Holstein, auch das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) hat sich an der Finanzierung beteiligt.