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Interviews
09.07.2018

Interview des Monats mit Dr. Johann Platzer Über eine Ethik der Rationierung nachdenken

Berlin (pag) – Da sich die Ressourcenknappheit mit Rationalisierungsmaßnahmen allein nicht lösen lassen wird, muss auch über eine „Ethik der Rationierung“ bzw. „Priorisierung“ nachgedacht werden, verlangt der österreichische Moraltheologe und Ethiker Dr. Johann Platzer, Universität Graz. Er hat einen Tagungsband zu „Gerechte Medizin?“ veröffentlicht. Mehr über die Hintergründe und warum Platzer bei zu arztlastigen Systemen ein Umsteuern für erforderlich hält, lesen Sie im Interview des Monats.

Sie haben vor einiger Zeit eine interdisziplinäre Tagung zum Thema „Gerechte Medizin“ veranstaltet – was war der Anlass?
Es gibt eine Reihe von Gründen, sich mit gerechter Medizin auseinanderzusetzen. In vielen westlichen Gesundheitssystemen kommt es durch den rasanten medizinischen Fortschritt und die demografische Entwicklung zu einer stetigen Verknappung von Ressourcen. Menschen werden zwar erfreulicher Weise immer älter und die medizinischen Möglichkeiten größer – jedoch werden dadurch auch vermehrt Fragen einer gerechten und fairen Verteilung der vorhandenen Mittel virulent.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine „Gerechte Medizin“, was die größten Herausforderungen?
Eine zunächst formale Grundvoraussetzung ist, dass Fragen von Fairness und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen immer nur inter- bzw. transdisziplinär erörtert werden. Das Problem in der Debatte ist nämlich, dass nur das als gerecht angesehen wird, was vom jeweiligen Standpunkt aus als gerecht erscheint. Die Ethik muss den Blick auf das Ganze richten. Sie muss versuchen, die Interessen aller Betroffener ins Spiel zu bringen. In den meisten Fällen gibt es nicht die gerechte Lösung, sondern immer nur verschiedene Lösungen, die mehr oder weniger gerecht sind. Gerechtigkeit muss immer unter dem Aspekt des Ausgleichs von Interessen gesehen werden, betont der Sozialethiker Leopold Neuhold in seinem Tagungsbeitrag.

Das klingt sehr theoretisch...
... ist aber für jede praktische Kompromiss- oder Konsensfindung als gedankliche Voraussetzung unumgänglich. Die Rolle der Ethik verschiebt sich immer mehr von einem „Bescheidwissen“ hin zu einem „Begleitwissen“, wie es Trutz Rendtorf einmal genannt hat. Die größte Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Interessen zu sichten, transparent zu machen und Plattformen für einen gemeinsamen Dialog zu schaffen.

Eine solche Plattform war Ihre Veranstaltung, wo sich unter anderem Krankenhausdirektoren, Ärzte, Theologen sowie Patientenanwälte ausgetauscht haben. Zu welchen Erkenntnissen sind sie gekommen?
Ressourcenknappheit wird sich in Zukunft mit Rationalisierungsmaßnahmen allein nicht lösen lassen können. Darin scheinen sich alle Vertreter der unterschiedlichen Disziplinen einig zu sein. Deshalb muss ganz allgemein neben einer „Ethik der Verschwendungsvermeidung“ auch über eine „Ethik der Rationierung“ bzw. „Priorisierung“ nachgedacht werden. Man muss sich beispielsweise überlegen, ob auch Ärzte mit in die Verantwortung genommen werden oder ob solche Rationierungsmaßnahmen nur auf den höheren Stufen der Meso- und Makroebene entschieden werden sollen. Einigkeit besteht zumindest darin, dass Mediziner in solchen Situationen nicht alleine gelassen werden dürfen, da sich mangelnde Transparenz bei der Ressourcenverteilung auch auf das Arzt-Patienten-Verhältnis vertrauensmindernd auswirken würde. Des Weiteren ergibt sich aus der Tatsache, dass Gesundheitssysteme hierzulande meist solidarisch finanziert werden, ein Recht der Öffentlichkeit, Auskunft über solche Rationierungs- bzw. Priorisierungsmaßnahmen zu erhalten. Man muss immer wieder versuchen, sich über gerechtigkeitstheoretische Kriterien zu einigen, die für solche Verfahren herangezogen werden können. In Ländern wie Schweden oder Großbritannien gibt es schon unterschiedliche Modelle und gemeinsam erarbeitete Priorisierungslisten. Partizipative Entscheidungsmodelle solcher Art könnten auch hierzulande als Vorbild dienen.

Woran scheitert eine „Gerechte Medizin“ in der Praxis?
Man sollte nicht gleich vom Scheitern reden, sondern sich zunächst gewisse Rahmenbedingungen vor Augen führen und fragen, in welchen Bereichen es zu Verbesserungen kommen sollte. So entsprechen die Gesundheitsausgaben in Österreich einem BIP-Anteil von etwa elf Prozent, womit wir weit über dem OECD-Schnitt liegen. Es scheint somit genug Geld im System vorhanden zu sein. Allerdings haben wir auch ein sehr spitals- und arztlastiges Gesundheitssystem, das verhältnismäßig viel finanzielle Ressourcen verbraucht. Studien zeigen, dass in anderen Ländern Menschen etwa dreimal weniger ins Spital gehen und dort auch weniger Zeit verbringen. Trotzdem erreichen sie eine längere Lebenszeit und das bei guter Gesundheit. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass auch andere Berufsgruppen relevante Aufgaben übernommen haben. Hier umzusteuern wäre ein Gebot der Stunde.  

Wo sehen Sie außerdem Verbesserungsbedarf?
Aus anderen Studien geht hervor, dass der Zugang zu Gesundheitsleistungen in Europa zwar für einen Großteil der Bevölkerung prinzipiell gewährleistet ist, dass die realen Chancen für die Inanspruchnahme von Leistungen jedoch ungleich sind. Das betrifft vor allem armutsgefährdete und sozial ausgegrenzte Gruppen. Hier müsste der Fokus vermehrt auf Realisierungsmöglichkeiten von Chancengerechtigkeit gerichtet werden. Dies sind nur ein paar Beispiele, die sich noch lange fortführen ließen. Denken Sie beispielsweise an die faktisch vorhandene „Mehr-Klassenmedizin“.

Eine Dokumentation der Tagung ist aktuell erschienen. Wie wollen Sie das Thema weiterverfolgen?

Für eine umfassende Analyse und Beurteilung von Gerechtigkeitsfragen im Gesundheitswesen bedarf es nicht nur eines ständigen inter- und transdisziplinären Dialogs. Das Thema muss in der medizinischen und medizinethischen Ausbildung verankert werden. Deshalb ist „Ressourcenknappheit und Allokation“ ein wesentlicher Bestandteil unseres universitären „Masterlehrgangs Angewandte Ethik“ und auch Thema in der Ausbildung von Ärzten an der medizinischen Universität Graz. Wir wollen vor allem dahingehend sensibilisieren, dass es für ein Mehr an Gerechtigkeit immer darauf ankommen wird, ethisch-normative Ansprüche mit empirischen Kontexten möglichst kohärent in Beziehung zu bringen. Das betrifft nicht nur die Gesundheitspolitik oder das Krankenhausmanagement, sondern vor allem auch den klinischen Alltag in der individuellen Arzt-Patienten-Beziehung. Hier sehe ich Potenziale, zugleich aber auch einen Bedarf und Mangel an Fort- und Ausbildungsmöglichkeiten für bereits Berufstätige.