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Interviews
27.05.2019

Welche Medizin wollen wir in welchem Umfang?
Interview des Monats mit Dr. Pedram Emami

Welche Medizin wir uns tatsächlich leisten wollen und können – dieses heiße Eisen hat Dr. Pedram Emami gleich in seinem ersten Interview nach der Wahl zum Hamburger Ärztekammerpräsidenten angepackt. Im „Interview des Monats" mahnt er eine grundlegende gesellschaftliche Debatte darüber an, welche medizinische Versorgung wir in welchem Umfang wollen. Patientenverantwortung scheine noch immer ein Tabu zu sein, meint Emami.

Sie haben in Ihrem ersten Interview nach der Wahl gleich ein heißes Eisen angepackt: die Frage, welche Medizin wir uns tatsächlich leisten wollen und können. „Es wird allen immer suggeriert, es gibt alles und es gibt es auch für alle", sagen Sie. Wie funktioniert diese Suggestion in der realen Versorgung?
Natürlich haben wir ein System, in dem alles, was medizinisch notwendig und sinnvoll ist, auch abgedeckt und geleistet wird. Es entsteht aber zusehends der Eindruck, dass jede Art von Beratung, jeder beliebige Arzt zu jeder Zeit für jederman abrufbar ist. Das ist weder sinnvoll noch wahr. Das erweckt Erwartungen und senkt aber auch die Hemmschwelle dafür, medizinische Leistungen auch dann sofort in Anspruch nehmen zu wollen, wenn sie entweder nicht sinnvoll oder zumindest nicht sehr dringlich sind. Damit erzeugt man nur noch mehr Druck im System.

Ihrer Meinung nach werden medizinische Leistungen eingeschränkt, ohne das offen zuzugeben. Welche Versorgungsbereiche sind davon besonders stark betroffen?
Ich glaube, dass wir in puncto Gesundheitsversorgung nach wir vor zu den weltweit führenden Nationen gehören. Lebensnotwendiges fehlt keinem. Im Vergleich zu den 80er Jahren ist das Leistungsspektrum aber eingeschränkt, wenn man zum Beispiel an Dinge denkt wie Augenuntersuchungen, Sehhilfe oder zahnärztliche Leistungen. Woran es mir fehlt, ist eine grundlegende gesellschaftliche Debatte darüber, was wir wollen und in welchem Umfang, bevor wir darüber beraten, was es kostet und wie es finanziert gehört.  
 
Wie wollen Sie einen ehrlichen und nachhaltigen Diskurs über die Finanzierbarkeit des medizinischen Fortschritts initiieren? Und wer sind dabei Ihre Verbündeten?
Wir sind schon mitten im Diskurs; ob es immer ehrlich zugeht, weiß nicht. Und der Politik Ehrlichkeit beibringen kann ich auch nicht. Ich kann mich nur selbst darum bemühen, zumindest nach meinen Maßstäben ehrlich mitzureden.
Verbündete dabei zu finden ist tatsächlich eher schwierig, denn wir haben alle unseren Anteil daran, dass das System so ist, wie es ist: die Politik, die Ärzteschaft, die Selbstverwaltung, aber auch die Patient*innen und sonst alle, die Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen. Gerade über diesen letzteren Part zu reden – nämlich über das Ausmaß der Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen, Anspruchshaltung, Mündigkeit, nicht nur Selbstbestimmung, sondern auch Verantwortung auf der Patientenseite usw. – aber scheint bisher noch Tabu zu sein.

Das Problem ist nicht neu, bereits Prof. Hoppe hat vor zehn Jahren versucht, mit der Politik dazu ins Gespräch zu kommen und einen offenen Diskussionsprozess zu starten. Was macht Sie optimistisch, dass es dieses Mal klappen könnte?
Ich bin erwachsen genug, keine Illusionen zu haben, aber idealistisch genug, um Dinge zu versuchen, denn nur der stete Tropfen höhlt den Stein...