Marburger BundBuyx: Ärzte als „Doppelagenten“ zwischen Ethos und Ökonomie
Berlin (pag) – Der Ressourcenmangel im Gesundheitswesen belastet das System als Ganzes sowie den Arzt als Individuum. Das betont Univ.-Prof. Andreas Valentin auf der diesjährigen Hauptversammlung des Marburger Bunds (MB).
Valentin ist Mitglied der österreichischen Bioethikkommission, vergleichbar mit dem Deutschen Ethikrat. Beim MB referiert er unter dem Titel „Ressourcenmangel im Gesundheitswesen – ärztliches Engagement vs. systemische Erschöpfung“.
Für die systemische Erschöpfung macht der Mediziner Personalmangel, Ökonomisierung, Bürokratie, hierarchische Strukturen und Moral Distress (moralische Not) aus. Letzteres bedeutet, dass der Arzt sehr wohl weiß, was richtiges Handeln wäre, die äußeren Umstände ihn aber daran hindern. Das Individuum kann Abhilfe schaffen, hält Valentin fest: durch Selbstreflexion, Selbstfürsorge und Kollegialität. Vom Arbeitgeber – Valentin nutzt den Begriff Institution – erwartet der Ethiker Wertschätzung, eine Team- und Kommunikationskultur oder Entlastung. Die politischen Entscheider wiederum müssten das ärztliche Ethos vor Kommerzialisierung setzen, Entbürokratisierung und Digitalisierung stärken, Personal realistisch berechnen und logisch finanzieren. „Es muss eine Begeisterung erhalten bleiben“, fordert er.
Die deutsche Medizinethikerin Prof. Alena Buyx, die ebenfalls auf der Hauptversammlung spricht, sieht Behandler in der Rolle von „Doppelagenten“. Auf der einen Seite stehe das Berufsethos, auf der anderen Seite der ökonomische Druck. Auch die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats zeigt Wege aus der misslichen Lage auf. Ärzte müssten „freigespielt“ werden, damit sie mehr Zeit für die Patienten haben, das Stichwort lautet Entbürokratisierung. Aber: „Der Abbau von Bürokratie ist deswegen so schwer, weil jede einzelne Regel irgendwie Sinn ergibt.“ Wann immer eine Regel infrage gestellt werde, schreie jemand auf. Des Weiteren müsse man Arbeitszeitmodelle weiterentwickeln und neueste Technologie effizient einsetzen, Stichwort: KI. Diese solle aber nicht direkt ins Arzt-Patienten-Verhältnis eingreifen, sondern die Mediziner bei administrativen Abläufen entlasten.