GendermedizinFrauenherzen erkranken anders
Berlin (pag) – Erste-Hilfe-Trainingspuppen sind männlich. Die rettende Herzdruckmassage am Übungsobjekt kennt keine weibliche Brust. Dieses Detail illustriert das ganze Dilemma: Die Behandlung von Frauenherzen orientiert sich an dem männlichen Patienten. Mit fatalen Folgen in Diagnose und Therapie. Die Initiative #GoRed der Healthcare Frauen wirbt für Awareness und hat konkrete Forderungen.
„Frauen sterben nicht, weil sie weniger stark wären – sie sterben, weil unser System ihre Symptome übersieht“, so Dr. Leonie Uhl, Sprecherin des Beirats Gesundheitsförderung der Healthcare Frauen und Mitinitiatorin von #GoRed.
Das Netzwerk hat mittlerweile eine große Reichweite mit seiner Kampagne auf die Beine gestellt und viele Unterstützer gewonnen. „Wir haben bewiesen, dass wir etwas verändern können – durch Wissen, Zusammenhalt und den Mut, Missstände klar zu benennen“, betont Dr. Vanessa Conin-Ohnsorge, ebenfalls Sprecherin und Mitinitiatorin von #GoRed. Jede Kontaktzahl bedeute, dass jemand genauer hinschaut – und vielleicht rechtzeitig handelt.
Gleich zu Beginn der Legislatur suchen die Frauen den Austausch beim Parlamentarischen Frühstück mit der Politik. Sie wissen dabei die Fachleute aus Medizin, Wissenschaft und Politik auf ihrer Seite. Prof. Ulf Landmesser vom Deutschen Herzzentrum erläutert, welche augenfälligen Unterschiede es zwischen Männer- und Frauenherzen gibt. Er sieht noch viel Forschungsbedarf. Der Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD) weiß aus seinen Erfahrungen als Intensivpfleger in der Kardiologie, „wie anders“ die Verläufe bei herzkranken Frauen sind und dass viele Tode vermeidbar wären. „Ich hoffe, dass wir im Gesundheitsausschuss die richtige Antwort darauf finden.“ Georg Kippels (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, begleitet das Thema seit Beginn der Kampagne vor drei Jahren. Er will sich auch in seiner neuen Funktion für geschlechtersensible Medizin stark machen. Im Koalitionsvertrag wird dies beim Thema Prävention bereits zum Ausdruck gebracht. Kippels nimmt die politischen Forderungen der Initiatorinnen an die neue Regierung entgegen. Das sind:
- Jährliche Vorsorgeuntersuchungen ab 40 Jahren für Frauen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko (z.B. nach Schwangerschaftsdiabetes, Frühgeburten oder bei psychischen Belastungen),
- Verpflichtende Integration von genderspezifischer Medizin in Studium, Aus- und Weiterbildung sowie Prüfungsinhalten,
- Verbindliche Einbeziehung und geschlechtsspezifische Auswertung in klinischen Studien,
- Anpassung von Disease-Management-Programmen (DMPs) an geschlechtsspezifische Bedürfnisse,
- Gezielte Präventionsangebote durch gesetzliche Krankenkassen für Frauen mit besonderem Risiko,
- Öffentlichkeitskampagnen zur Stärkung der Frauengesundheitskompetenz,
- Mehr Aufklärung über Erste Hilfe bei Frauen, z.B. durch den Einsatz weiblicher Reanimationspuppen.