FrauengesundheitGeschlechtersensible Versorgung als Qualitätsmerkmal
Berlin (pag) – Frauen werden in Deutschland noch immer auf Grundlage von Daten versorgt, die ihre Lebensrealität häufig nur unzureichend abbilden. Die Folgen reichen von verspäteten Diagnosen über vermeidbare Nebenwirkungen bis hin zu ungerechten Versorgungsentscheidungen. Zu diesem Fazit kommen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Parlamentarischen Abends des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen.
Unter dem Titel „Von der Datenlücke zur Versorgungsgerechtigkeit: Geschlechtersensibilität als Qualitätsmerkmal“ geht es um eine unbequeme Bilanz: Ein Großteil der medizinischen Evidenz in Deutschland ist bis heute nicht nach Geschlecht ausgewertet, obwohl die Folgen längst bekannt sind.
Aus der Diskussion leitet der Runde Tisch konkrete Handlungsaufträge ab:
- Geschlecht muss in Registern und in elektronischen Anwendungen verpflichtend, standardisiert und differenziert erfasst und ausgewertet werden
- Kliniken und Kostenträger sollen ihre Versorgungsdaten regelmäßig geschlechtsspezifisch auswerten und veröffentlichen
- Deutschland muss den Europäischen Gesundheitsdatenraum nutzen, um Geschlechterdifferenzierung als verbindlichen Qualitätsstandard zu etablieren
In ihrer Keynote warnt Prof. Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit eHealth and Interoperability am Berlin Institute of Health der Charité, davor, dass sich die Datenlücke mit der Digitalisierung eher vergrößere als schließe, wenn niemand gegensteuert. „Künstliche Intelligenz in der Medizin lernt aus den Daten der Vergangenheit. Wenn diese Daten Frauen kaum enthalten, übernimmt jedes neue System den blinden Fleck von gestern, nur schneller und in größerem Maßstab.“
Brenya Adjei, Geschäftsführerin der gematik, zieht die Verbindung zur laufenden Digitalisierung der Versorgung. Mit der elektronischen Patientenakte für alle werde gerade die Dateninfrastruktur für die nächsten 20 Jahre gebaut. „Wenn wir geschlechtsspezifische Auswertbarkeit jetzt nicht mitdenken, schreiben wir die Lücke in die Architektur ein, und dann wird sie richtig teuer zu korrigieren.“