DGEMMangelernährung: häufig übersehen und unbehandelt
Berlin (pag) – Rund 50.000 Todesfälle ließen sich jährlich vermeiden, würden Kliniken systematisch auf Mangelernährung screenen und ernährungstherapeutisch behandeln. Doch das Thema Mangelernährung wird in seiner Bedeutung nicht verstanden, meint die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).
„Das Thema der krankheitsbedingten Mangelernährung geht leicht unter“, konstatiert DGEM-Vizepräsident und Endokrinologe Prof. Matthias Pirlich. Dabei seien 20 bis 30 Prozent aller Klinikpatienten betroffen. In Pflegeheimen sei fast jeder Vierte mangelernährt. Typische Anzeichen seien Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, niedriges Körpergewicht und Muskelschwäche, erklärt Pirlich. Betroffene blieben im Schnitt über 40 Prozent länger im Krankenhaus und ihre Sterblichkeit sei um das mehr als Dreifache erhöht.
Trotzdem würde Mangelernährung häufig übersehen oder nicht behandelt, moniert der Endokrinologe. „Und die wesentlichen Gründe dafür sind, dass wir in unserem DRG-System keine adäquate Vergütung haben für ernährungsmedizinische Maßnahmen“. Eine Erhebung in Baden-Württemberg zeige, dass nur zwölf Prozent der teilnehmenden Kliniken über ein qualifiziertes ärztliches Ernährungsteam verfügten. Heißt: „Wir können davon ausgehen, dass ungefähr 90 Prozent aller Kliniken keine systematische Ernährungstherapie bei Mangelernährung durchführen.“ Strukturdefizite beanstandet Pirlich auch im ambulanten Bereich.
Verbindliche Screenings und strukturierte Ernährungsprogramme fehlten bislang. Die DGEM fordert, Ernährungstherapie als verpflichtendes Strukturmerkmal in der Krankenhausreform zu verankern und die Finanzierung ernährungsmedizinischer Leistungen im ambulanten Bereich sicherzustellen. Zudem habe die Gesellschaft sich dafür ausgesprochen, Screenings als Kriterium im Bundesklinikatlas aufzunehmen. Aber: „Das Bundesgesundheitsministerium ist der Meinung, alle ernährungsmedizinischen Fragen gehören in die Küche“, ärgert sich Pirlich.
Auch Patienten mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes können mangelernährt sein, erklärt Prof. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. In dieser Patientengruppe komme es häufig zu Defiziten an essenziellen Mikronährstoffen.