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09.10.2017

Arzneimittel Die politischen Botschaften des AVR

Berlin (pag) – Einen Trend zu hochpreisigen Medikamenten kritisieren die Herausgeber des aktuellen Arzneiverordnungs-Reports (AVR). Darüber dürfe auch nicht die aktuell eher moderate Ausgabenentwicklung hinwegtäuschen, betont Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen haben inklusive der Zuzahlungen der Versicherten im vergangenen Jahr 38,5 Milliarden Euro erreicht, ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber 2015. Der von AVR-Herausgeber Klauber kritisierte Trend zur Hochpreisigkeit wird nach seiner Einschätzung vor allem durch Markteinführungen getrieben. Im Juli 2017 habe der durchschnittliche Preis für eine Packung eines patentgeschützten Arzneimittels in der Apotheke 2.621 Euro (ungewichtetes Mittel) betragen. Begrenze man dieses Segment auf die Markteinführungen der letzten 36 Monate, liege der durchschnittliche Preis pro Packung bei 4.794 Euro. Mit Verweis auf einen europäischen Preisvergleich beziffert Klauber das Einsparvolumen bei patentgeschützten Präparaten für Deutschland auf 1,5 Milliarden Euro.
AVR-Mitherausgeber Prof. em. Ulrich Schwabe wirbt für die konsequente Bildung von Festbeträgen. „Interessante Möglichkeiten“ sieht er bei den pharmakologisch-therapeutisch vergleichbaren Wirkstoffen (Gruppe 2). Namentlich nennt er stark wirkende Opioidanalgetika, TNF-Inhibitoren und spezielle Antidepressiva, bei denen die Gleichwertigkeit der einzelnen Wirkstoffe durch evidenzbasierte Leitlinien und Metaanalysen dokumentiert sei. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) betont dagegen, dass aktuell bereits 75 Prozent der Arzneimittel in das Festbetragssystem fielen. Dieses System trage dazu bei, dass patientenrelevante Weiterentwicklungen von Arzneimitteln – wie altersgerechte Darreichungsformen – nicht honoriert werden. „Das Festbetragssystem verhindert, dass Innovationen beim Patienten ankommen“, sagt Dr. Hermann Kortland, stellvertretender BAH-Hauptgeschäftsführer.
Ebenfalls Thema bei der AVR-Präsentation: die von Reportherausgeber Prof. Wolf-Dieter Ludwig scharf kritisierten schnellen Zulassungswege für Arzneimittel. Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, will, dass beschleunigt zugelassene Arzneimittel nur in qualifizierten Zentren angewendet werden dürfen. Dort sollen auch firmenübergreifende und pharmaunabhängige Studien durchgeführt werden, um Evidenzlücken zu schließen. Als Vorbild nennt Litsch den Pharmafonds in Italien, dessen Mittel aus einer prozentualen Gebühr der Hersteller auf deren Marketingausgaben stammen.