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23.11.2017

Digitalisierung ”Was innovativ ist, blockieren wir”

Berlin (pag) – Der Arzt und Informatiker Prof. Klaus Juffernbruch wirft der Selbstverwaltung vor, bei der Digitalisierung auf der Bremse zu stehen. „Was innovativ ist, blockieren wir“, sagt er bei der kontroversen Mittagspause der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Der Grund: Deutschland schaffe es nicht, die Vergütung für Ärzte am Nutzen für den Patienten auszurichten.

Angesichts der drohenden Unterversorgung sei es nötig, in der Medizin stärker auf digitale Lösungen zu setzen als bisher, findet Juffernbruch. Der Vorsitzende der Expertengruppe „Intelligente Gesundheitsnetzwerke“ des Digitalgipfels der Bundesregierung zweifelt jedoch am Gestaltungswillen der Selbstverwaltung. Wenn diese zum Beispiel die Telemedizin ernsthaft vorantreiben wolle, müsse sie nur einen Blick in die Schweiz oder nach Skandinavien werfen und sich an ihnen ein Beispiel nehmen. Dann ließe sich das Konzept innerhalb kurzer Zeit auch hierzulande umsetzen.
Die Ärzteschaft hat daran laut Juffernbruch jedoch kein Interesse – allein schon, weil sie bei der Nutzung telemedizinischer Formate ihr Honorar mit dem jeweiligen Anbieter teilen müsste. „Wenn der Patient persönlich zu mir kommt, kriege ich das ganze Stück vom Kuchen.“ Die Schuld dafür gibt Juffernbruch nicht den Niedergelassenen oder den Krankenhäusern. „Der Fehler ist, dass wir es nicht schaffen, die Vergütung am Patientennutzen auszurichten.“
KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel nennt das eine „Verschwörungstheorie“. Den schwarzen Peter reicht er an die Krankenkassen weiter, für die solche Innovationen zunächst teuer seien. „Wer soll sonst für die Technik bezahlen?“ Insofern stünden die Kostenträger ein Stück weit auf der Bremse, so Kriedel. Und auch vor dem Gemeinsamen Bundesausschuss sei es schwer zu belegen, dass eine Leistung besser sei als das bisher gängige Verfahren. Daher hielten digitale Angebote nur schleppend Einzug in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung.