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28.05.2018

Digitalisierung Sprechstunde bei Dr. Google

Berlin (pag) – Die Digitalisierung verändert den Zugang zu medizinischen Informationen, die diagnostischen Möglichkeiten und auch die Interaktion zwischen Arzt und Patient. Welche Auswirkungen das auf die Versorgung der Zukunft hat, diskutieren Experten auf der Veranstaltung „Sprechstunde bei Dr. Google“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Prof. Dr. Gerd-Rüdiger Burmester, Akademiemitglied und Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité, zeichnet ein Bild davon, wie die medizinische Versorgung in zehn Jahren aussehen könnte: Menschen mit einem gesundheitlichen Problem werden als erstes ihre smarten, sprachgesteuerten Geräte mit künstlicher Intelligenz in ihrem Wohnzimmer befragen. Über eine Kamera und einen Bildschirm können sie zum Beispiel geschwollene Handgelenke ausmessen. Anschließend gehen die Betroffenen zu einem Gesundheitskiosk, in dem können Biomarker-Werte oder genomische Analysen erhoben werden. Alle Daten, auch die der Vorgeschichte der Patienten und die selbstgenerierten Daten von Fitness-Trackern, werden über einen Algorithmus ausgewertet. Der Computer stellt eine Diagnose und schlägt verschiedene Behandlungsoptionen vor. „Das alles kann geschehen, ohne dass der Patient einen Arzt gesehen hat“, sagt Burmester. Vieles davon sei heute schon möglich. Für den Rheumatologen besteht kein Zweifel, dass Algorithmen das Denken in der Medizin verändern werden. „Die einzige Frage ist, ob diese Transformation von Kräften innerhalb oder außerhalb des Feldes angetrieben wird“, betont er und spielt damit auf neue Akteure im Gesundheitsmarkt wie Google, Amazon und Apple an.
Gerlinde Bendzuck, Vize-Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, mahnt eine Beteiligung von Patienten bei den digitalen Neuerungen an. „Können wir als Patienten sicher sein, dass es zu einer Verbesserung der Behandlung kommt und nicht Interessen von Dritten im Vordergrund stehen?“, fragt sie. Ein Problem sei, dass die digitale Welt kaum zu überblicken sei. „Allein für Rheuma gibt es über 200 Apps“, so Bendzuck. Digitale Anwendungen müssten auf ihre Qualität hin überprüft und gesondert zugelassen werden, das funktioniere bisher nicht. Sie appelliert an alle Patientenorganisationen, genau zu durchleuchten, was die digitale Medizin für ihre Erkrankung bedeutet, und ihre Bedürfnisse zu formulieren. Die Nutzen- und Ethikdiskussion müsse aus Betroffenensicht fokussiert und in die Fachkreise getragen werden. „Die Umsetzung von Patientenorientierung und Inklusion in Digital Health ist kein Selbstläufer“, betont sie.