DiabetesVerhältnisprävention: politischer Mut ist gefragt
Berlin (pag) – Appelle an die Eigenverantwortung, Einzelprojekte für einen gesunden Lebensstil und freiwillige Maßnahmen der Industrie wirken nicht, kritisiert die Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Barbara Bitzer. In einer Pressekonferenz fordert sie mehr Verhältnisprävention – besonders auch für Kinder, denn Typ-2-Diabetes ist bei jungen Menschen auf dem Vormarsch.
Immer mehr Kinder und Jugendliche leben hierzulande mit Typ-2-Diabetes, konstatiert Prof. Karsten Müssig, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg der Niels-Stensen-Kliniken. Etwa 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen seien übergewichtig und in 2022 seien etwa 1.000 Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren von Typ-2-Diabetes betroffen. „Besorgniserregende Zahlen“, so Müssig. Wegen des neuen Trends spreche man seit einigen Jahren nicht mehr von Altersdiabetes.
„Es geht uns darum, ein Umfeld zu schaffen, das es allen Menschen leichter macht, sich gesund zu ernähren und sich mehr zu bewegen – unabhängig von der Herkunft, dem Bildungsgrad oder dem Geldbeutel“, fordert Bitzer. Andere Länder, wie Großbritannien oder Chile, zeigten seit Jahren, wie mehr Gesundheitsschutz mit gezielter Verhältnisprävention gelingen könne. Konkrete Schritte seien Werbeschranken für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richten, Herstellerabgaben auf stark zuckerhaltige Getränke, eine Mehrwertsteuerentlastung gesunder Lebensmittel, verbindliche Standards für die Schulverpflegung und mehr Bewegung in Schule und Alltag. Längst sei belegt, dass „diese Maßnahmen wirken“, stellt Bitzer klar. Long story short: Ziel sei, dass „die gesunde Wahl auch die leichtere Wahl wird“.
„Es liegt sicherlich daran, dass wir eine sehr starke Lobby in Deutschland haben“, so Bitzer auf die Frage, warum Deutschland im europäischen Vergleich so zurückhaltend sei. Ähnlich wie bei der Tabakprävention habe auch die Lebensmittelindustrie großen Einfluss. Die Politik scheue sich, obligatorische Maßnahmen zu implementieren und die Industrie in die Pflicht zu nehmen, diese verbindlich umzusetzen. „Hier ist politischer Mut gefragt.“ Auch fordert sie einen Health-in-All-Policies-Ansatz.