Mental Health FachtagungWartezeiten, fehlende Strukturen, unnötige Klinikaufenthalte
Berlin (pag) – Das ehemalige Tabuthema psychische Gesundheit ist zur Schlüsselfrage unserer Zeit avanciert, doch die Versorgung hinkt hinterher. Leuchtturmprojekte wie „RECOVER“ wollen die komplexen Herausforderungen lösen. Auf der Mental Health Fachtagung, veranstaltet von Boehringer Ingelheim, diskutieren Fachleute über Zukunftsperspektiven.
Für psychische Erkrankungen gelte: „Wenn wir sie früh erkennen und früh behandeln, haben wir wirklich gute Heilungschancen“, betont die Leiterin der Abteilung 3 im Bundesgesundheitsministerium Dr. Silke Heinemann. In puncto Datenerhebung zu psychischen Erkrankungen verzeichne man eine „revolutionäre Situation“. Zur Datengrundlage gehörten die Abrechnungsdaten der Krankenkassen, „die seit Jahren steigende Diagnosen bei psychischen Erkrankungen bescheinigen“. Neu hinzu kämen strukturierte Panel-Befragungen beim Robert Koch-Institut, die tiefere Einblicke in gesundheitliche Situationen ermöglichten.
G-BA: Ambulantisierung vorantreiben
Es braucht „dringend eine massive Ressourcenverlagerung von stationär zu ambulant“, fordert Dr. Bernhard van Treeck, unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Er plädiert dafür, sektorenübergreifende Therapie ressourcenoptimiert, bedarfsgerecht und stufenweise digital vor ambulant vor stationär zu gestalten. „Den Konflikt, wie weit muss ich fahren, um eine gute Versorgung zu kriegen, haben wir natürlich überall, auch in der Psychiatrie“, sagt van Treeck, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist. Weiterhin mahnt er an, die teilweise „völlig unterschätzte“ Gruppentherapie auszubauen. Ernüchtert blickt der Mediziner auf die Psychiatrie-Enquete von 1975 (!): „Man kann sie immer noch nutzen.“ Viele Probleme wie lange Wartezeiten, Unterversorgung von schwer psychisch Kranken oder unnötige Hospitalisierungen seien heute noch dieselben. Ja, aber: „Vor 50 Jahren waren psychische Erkrankungen massiv tabuisiert und stigmatisiert“, erinnert die Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer Dr. Andrea Benecke. Seit der Enquete hätten sich die Rahmenbedingungen gewandelt.
Schnittstellenproblematik an den Sektoren
„Wo es wirklich hakt, ist diese Schnittstelle von der Entlassung der Psychiatrie/Psychosomatik rein in den ambulanten Bereich“, kritisiert Benecke. Zu ihren Lösungsvorschlägen gehört, ambulante Behandlungen, die kurzfristig nach einem stationären Aufenthalt angeboten werden, mit finanziellen Zuschlägen zu fördern, vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen und in regionalen Netzverbünden zu kooperieren.
Das anspruchsvolle Modellprojekt RECOVER soll die Versorgung psychisch kranker Menschen deutlich verbessern. „Die Idee: Das RECOVER-Modell der gestuften, integrierten und koordinierten Versorgung ist effektiver und effizienter als die deutsche Regelversorgung“, erklärt Prof. Martin Lambert, Universitätsklinik Eppendorf, der dem Leitungsteam des Projekts angehört. Dabei seien ausschließlich Versorgungskomponenten mit erbrachtem Evidenznachweis eingesetzt worden. Implementiert worden sei RECOVER von 2017 bis 2021 in Hamburg, gefördert vom G-BA, erklärt Lambert. Eine Empfehlung gab es nicht, trotz positiver Ergebnisse, darunter signifikant geringere Krankenhauskosten.
Trotz aller Herausforderungen gebe es Hoffnung, meint der Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe Dr. Martin Danner. Künstliche Intelligenz könne Dokumentationszeit „massiv reduzieren“, zeigt er sich optimistisch. Auch die elektronische Patientenakte habe das Potenzial, therapiebegleitend zu wirken und die Kooperation der Behandler zu unterstützen.
Langfristige Vision
Die Fachtagung hat einen Austausch der unterschiedlichen Perspektiven auf die mentale Gesundheit gefördert. Warum hat Boehringer Ingelheim die Plattform dafür geboten? „Mentale Gesundheit ist ein zentraler Bestandteil einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung. Wir investieren in diesen Bereich als Teil einer langfristigen Vision, die weit über einzelne Produkte hinausgeht", meint Dr. Marco Penske von Boehringer Ingelheim. Wie in anderen Therapiegebieten sei auch bei der psychischen Gesundheit die gesamthafte Betrachtung wichtig. Eine verbesserte Früherkennung von Krankheiten und die leitliniengerechte Behandlung verbessere nicht nur die Versorgung, sondern könne auch die Kostenbelastung des Gesundheitssystems reduzieren. Penske: „Mit der Mental Health Tagung und der Beteiligung des Bundesministeriums für Gesundheit, des G-BA sowie zahlreicher weiterer Stakeholder wollen wir gemeinsam Wege finden, die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen nachhaltig zu verbessern.“