
Priorisierung wird in der Debatte um Verteilungsgerechtigkeit und Ressourcenallokation im Gesundheitswesen nicht selten als Synonym beziehungsweise Euphemismus für den negativ besetzten Ausdruck Rationierung verwendet. Einer offenen und transparenten Debatte ist dies nicht förderlich, denn beide Begriffe bezeichnen unterschiedliche Konzepte.
Im Gesundheitswesen wird unter Rationierung meist das Vorenthalten medizinischer Leistungen, die einen Nutzen stiften, verstanden – sei es aus Kosten-, Personal- oder Überlastungsgründen. Unter Priorisierung versteht die Zentrale Ethikkommission bei der Bundesärztekammer (ZEKO) die ausdrückliche Feststellung einer Vorrangigkeit bestimmter Untersuchungs- und Behandlungsmethoden vor anderen. „Nicht nur Methoden, sondern auch Krankheitsfälle, Kranken- und Krankheitsgruppen, Versorgungsziele und vor allem Indikationen (d. h. Verknüpfungen bestimmter gesundheitlicher Problemlagen mit zu ihrer Lösung geeigneten Leistungen) können priorisiert werden“, heißt es in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2007.
Priorisierung kann die Grundlage für eine Rationierungsentscheidung bilden – vermutlich werden deshalb die beiden Begriffe auch häufig in einem Atemzug genannt.
Allerdings weist die Kommission ausdrücklich darauf hin, dass Priorisierung als solche nicht zwangsläufig zur Rationierung führt. Sie kann auch dafür verwendet werden, das Gesundheitssystem wirtschaftlicher zu gestalten. Im Fall des Oregon Health Plans führte die ursprünglich als Rationierungsinstrument geplante Prioritätenliste tatsächlich zu einer Ausweitung des Leistungsumfangs der Medicaid-Versorgung. Das Beispiel zeigt: Priorisierung kann sogar Rationierung verhindern.
Doch nach welchen Prinzipien lassen sich medizinische Methoden etc. in eine Rangfolge bringen? Kriterien für Priorisierung hat beispielsweise die ethische Plattform der parlamentarischen Priorisierungskommission in Schweden erarbeitet: Sie hält die Prinzipien Menschenwürde, Bedarf und Solidarität sowie Kosteneffizienz für maßgeblich. Nach Auffassung der ZEKO sollte sich eine gerechte Prioritätensetzung an der medizinischen Bedürftigkeit (Schweregrad und Gefährlichkeit der Erkrankung, Dringlichkeit des Eingreifens), am erwartbaren medizinischen Nutzen und der Kosteneffektivität orientieren.
Im Unterschied zu Deutschland haben eine Reihe anderer Staaten bereits Modelle der expliziten Prioritätensetzung entwickelt und erprobt (siehe Infokasten). Auch hierzulande sind „Rationierung und Priorisierung medizinischer Leistungen längst Realität im medizinischen Alltag, wenn auch nicht nach expliziten Kriterien, so doch implizit“, stellen Adele Diederich und Margrit Schreier fest. Als Beleg für eine solche verdeckte Priorisierung verweisen sie auf eine Befragung von Klinikärzten. Demnach wird beispielsweise nach Patientenalter, spezifischen Krankheiten, aber auch Verteilungskriterien wie sozialer Status, Bildung, Geschlecht, Sympathie, Redegewandtheit etc. priorisiert.
Eine solche implizite, mit Rationierungsentscheidungen verbundene Priorisierung lastet auf den Schultern der Leistungserbringer und wird ohne verbindliche normative Vorgaben praktiziert. Es sind deshalb vor allem Ärztevertreter, die sich – wie beispielsweise 2008 auf dem Ulmer Ärztetag – für eine offene Priorisierung einsetzen, während die Politik die Notwendigkeit dafür nicht sieht.
Priorisierung medizinischer Leistungen ist ein komplexes Thema, die Auseinandersetzung eine multiprofessionelle Angelegenheit. Mediziner, Ethiker, Juristen, Ökonomen und weitere Berufsgruppen melden sich bei der Debatte zu Wort. Eine gute Übersicht liefert das 2009 erschienene „Themenheft Priorisierung“ der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen.
Mit Priorisierung setzen sich außerdem folgende Publikationen detailliert auseinander:
– Lohmann, H. / Preusker, U. (Hrsg.) 2010; Priorisierung statt Rationierung: Zukunftssicherung für das Gesundheitssystem; Economica Verlag Heidelberg u.a.
– Schöne-Seifert, B. / Buyx, A. / Ach, J.S. (Hrsg.) 2006; Gerecht behandelt? Rationierung und Priorisierung im Gesundheitswesen; mentis Verlag Paderborn
– Wohlgemuth, W.A. / Freitag, M.H. (Hrsg.) 2009; Priorisierung in der Medizin. Interdisziplinäre Forschungsansätze; Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin
Eine Übersicht zu Publikationen, die sich mit dem Thema Verteilungsgerechtigkeit beschäftigen, finden Sie in unter dem Menüpunkt Literatur.
Nicht nur in Deutschland steht man vor dem Problem, dass längst nicht alles, was medizinisch möglich ist, auch vom öffentlichen Versicherungssystem bezahlt werden kann. Länder wie beispielsweise Norwegen und Schweden, die Niederlande sowie der US-Staat Oregon führen darüber bereits seit Mitte der 1980er Jahre einen öffentlichen Diskurs und erproben Modelle, wie Prioritäten in der Gesundheitsversorgung gesetzt werden können. Ein interessantes Praxisbeispiel ist die schwedische Versorgungsleitlinie Kardiologie. Diese ordnet alle Maßnahmen – sei es bei Vorbeugung, Diagnostik, Behandlung oder Rehabilitation kardiovaskulärer Erkrankungen – einer Priorität von eins (hohe Priorität) bis zehn (niedrige Priorität) zu. Seit 2008 sind in dieser Leitlinie auch Leistungen, die man unterlassen oder nur innerhalb von Forschungsprojekten erbringen sollte, aufgeführt.
Aufschlussreich sind auch die verschiedenen Ansätze, die Öffentlichkeit bei Priorisierungsfragen einzubeziehen. So hielt man beispielsweise in Dänemark öffentliche Diskussionsveranstaltungen zu dem Thema ab, in Neuseeland, den Niederlanden, Oregon und Schweden werden Rückmeldungen aus Diskussionsforen sowie Fragebogenergebnisse bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt. In England wiederum können die Bürger sowohl zu allgemeinen Priorisierungsprinzipien als auch zu Richtlinienentwicklungen Stellung beziehen.
Auch wenn es keine einfachen Lösungen gibt, wenn es darum geht, medizinische Leistungen zu bewerten, so gibt der Blick über den eigenen Tellerrand doch wichtige Anregungen.