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Interviews
25.09.2020

Interview des Monats mit Sabine Jansen „Wir brauchen mehr Qualität in der Demenzversorgung“

Den Startschuss für die Nationale Demenzstrategie hat die Bundesregierung vor einigen Tagen gegeben. Jetzt geht es an die konkrete Umsetzung. Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, sieht großen Handlungsbedarf bei der Sensibilisierung der Bevölkerung. Sie mahnt außerdem mehr Qualität in der Demenzversorgung an. Die Akut-Krankenhäuser seien mit ihrem effizienten Ablauf für diese Patientengruppe nicht gut geeignet. 

Sie haben an derdie Nationalen Demenzstrategie (NDS) mitgearbeitet. Was waren Ihre Erfahrungen dabei, welche Themen waren besonders kontrovers?
An der NDS haben über 70 Akteure in vier Arbeitsgruppen mitgewirkt. Diese waren sehr unterschiedlich, was ihre Struktur und ihre Perspektive angeht. Mit dabei waren große Dachverbände der Kommunen, Länder, Leistungserbringern, Sozialversicherung usw. aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen mit sehr viel schmaleren Strukturen. Die Zusammenarbeit war durchaus bereichernd.

Aber?
Meiner Erfahrung nach ist es gerade bei großen Dachverbänden schwierig, zu verbindlichen Maßnahmen zu kommen, weil ihre Mitglieder und die örtlichen Gegebenheiten unterschiedlich sind. Nicht immer gibt es überhaupt das Mandat, für alle mitzuentscheiden. Deshalb finden sich in der NDS auch immer wieder Formulierungen wie „wirken darauf hin“. Diese Formulierungen waren natürlich kontrovers, weil z.B. die Deutsche Alzheimer Gesellschaft als Interessensvertretung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen sich viel konkretere Formulierungen und damit mehr Verbindlichkeit wünscht.

Die Strategie umfasst 27 Ziele und rund 160 Maßnahmen. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Die Ziele haben sicher alle ihre Berechtigung. Angesichts der zunehmenden Zahl von Menschen mit Demenz, die zu immer größeren Teilen alleine, ohne oder mit weit entfernten Angehörigen, leben, sehe ich einen großen Handlungsbedarf bei der Sensibilisierung der Bevölkerung. Wie kann das konkret geschehen? Wir brauchen ein aufmerksames Umfeld, z.B. im Öffentlichen Personennahverkehr, im Einzelhandel oder in Betrieben, damit Menschen mit Demenz möglichst lange selbstständig leben können. Deshalb bin ich froh, dass darauf ein Schwerpunkt gelegt wurde. Aber auch im professionellen Bereich brauchen wir mehr Qualität in der Demenzversorgung. So werden immer mehr Menschen mit Demenz in Akut-Krankenhäusern behandelt, die mit ihrem effizienten Ablauf für diese Gruppe nicht gut geeignet sind. Auch hier wird es einige wichtige Maßnahmen geben, z.B. zur besseren Schulung des Personals oder zur Umsetzung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“.

Die Strategie soll Deutschland demenzfreundlich machen. Wenn Sie Schulnoten vergeben würden: Wie demenzfreundlich ist Deutschland aktuell?
Grundsätzlich würde ich sagen, dass sich in den letzten Jahren schon viel getan hat. Demenz ist in der Öffentlichkeit viel präsenter als noch vor zwanzig Jahren. Es wurden gute Konzepte zur Demenzversorgung entwickelt, z.B. durch die Schaffung von WGs für Menschen mit Demenz und durch Kommunen, die sich systematisch zum Ziel gesetzt haben, demenzfreundlich zu werden. Allerdings gibt es auch noch viel zu tun. Und wir sind nicht gut gewappnet für die steigende Zahl von Menschen mit Demenz bei gleichzeitiger Abnahme von professionell Pflegenden. Zu beklagen ist auch die regional sehr unterschiedliche Versorgung in unserem föderalen System. Es gibt Bundesländer, in denen es z.B. kaum Demenz-WGs oder Pflegestützpunkte als Anlaufstelle für die Betroffenen und ihre Angehörigen gibt.

Und in Schulnoten ausgedrückt?
Bei manchen Einrichtungen, Kommunen oder Ländern kann man getrost eine gute Note geben – in anderen Regionen aber auch ein „mangelhaft“.

Von welchen Ländern kann Deutschland lernen, besser mit der Krankheit umzugehen?
Wenn man sich die europäische Karte ansieht, gibt es viele Länder die schon lange vor Deutschland eine Demenzstrategie oder einen Demenzplan hatten. Ich denke z.B. an Frankreich, wo noch unter Präsident Sarkozy ein Demenzplan in Kraft getreten ist. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Demenzplänen, bei denen die nationalen Alzheimer-Gesellschaften die Unverbindlichkeit der Maßnahmen beklagt haben.

Wer ist Vorbild für ein gutes Konzepte?
Das sind sicherlich die skandinavischen Länder und die Benelux-Staaten, z.B. die Niederlande. Unsere schottischen Kolleginnen und Kollegen möchte ich auch positiv erwähnen. Dort hat man schon sehr früh angefangen, Menschen mit Demenz selbst in die Entwicklung von Konzepten einzubeziehen und der schottische Demenzplan sieht vor, dass Menschen mit Demenz direkt nach der Diagnose einen Ansprechpartner vermittelt bekommen. Das hätte ich mir für Deutschland auch gewünscht.