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Interviews
04.09.2026

Neuer BDC-Präsident Pennig pocht auf Einbindung der Praktiker„Die Politik muss uns zuhören“

Berlin (pag) – Für das Foto geht es aufs Dach an der Luisenstraße 58/59. Von dort kann Prof. Dietmar Pennig seinen Blick vom Charité-Komplex bis zur Reichstagskuppel schweifen lassen. Doch wir treffen den neuen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Chirurgie (BDC) nicht, um die schöne Aussicht zu genießen. Denn die Aussichten für die Chirurgie im Speziellen und die Gesundheitsversorgung im Allgemeinen sind nicht so rosig.

Herr Prof. Pennig, ein neuer Bundesgesundheitsminister ist in die Mauerstraße eingezogen. Was muss Dr. Carsten Linnemann als erstes angehen?

Pennig: Er muss das Gesundheitswesen strukturieren und darf es nicht zu Tode sparen.

Wie strukturieren?

Pennig: Auf Effizienz. Er sollte einen weiteren Ausbau der bürokratischen Elemente vermeiden, eine Rücknahme ist erforderlich. Wenn wir uns angucken, wie wenig Zeit Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger am Patienten verbringen, dann erschreckt man sich. Nicht einmal die Hälfte der Arbeitszeit verbringt ein Arzt am Patienten. Das heißt, wir verschwenden die Ressource Arzt. Und wir kontrollieren alle Elemente, die wir im Gesundheitswesen erbringen – sei es in den Kliniken, sei es in den Praxen – über den Medizinischen Dienst. Das ist nicht sinnvoll, das muss beendet werden, weil das enorm viel Zeit frisst und uns von unserer Kernaufgabe abhält. Es ist nicht so, dass es zu wenig Geld im Gesundheitswesen gibt. Die Allokation der Finanzmittel ist falsch. Und wir wissen alle, dass im Gesundheitswesen Ausgaben aufgewendet werden, die da nicht hineingehören. Und das muss Herr Linnemann eliminieren.

Haben Sie schon Zugang zur neuen Hausleitung?

Pennig: Wir haben natürlich die personellen Veränderungen wahrgenommen. Herr Linnemann sollte in den Dialog treten, er muss mit denen reden, die in der praktischen Umsetzung Maßnahmen zur Anwendung und natürlich auch zum Erfolg bringen können. Wenn man an der Arbeitsebene vorbei anordnet und entwickelt, wird man scheitern.

Der Primat des Sparens macht auch vor der Chirurgie keinen Halt. Wie werden die chirurgischen Abteilungen nach Zuteilung der Leistungsgruppen in den Krankenhäusern und die ambulanten OP-Zentren das Beitragssatzstabilisierungsgesetz, mit beispielsweise der Orientierung an der Grundlohnrate, zu spüren bekommen? 

Pennig: Die höchsten Ausgaben verzeichnen wir bei den Personalkosten. Diese können wir nun nicht mehr adäquat abbilden. Das wird sich auf die Personalschlüssel in den Kliniken, aber auch auf die personelle Infrastruktur in den Praxen auswirken. Hinzu kommt eine immer älter werdende Gesellschaft, die auch immer mehr Leistung abfordert. Gleichzeitig erleben wir eine Abschmelzung der Leistungserbringer. Wir können die Abgänge in der Versorgung nicht mehr durch Neuzugänge kompensieren. Die Schere geht weiter auseinander und wir haben künftig mehr Leistungsansprüche und weniger Leistungserbringer. Das ist im derzeitigen politischen Umfeld Wahlkampfmunition für politische Extreme.

Das Spargesetz wird zwangsläufig zu Entlassungen führen?

Pennig: Ja, anders geht es nicht. Wir wissen von einigen universitären Standorten, die im hohen zweistelligen Bereich Arztstellen einsparen müssen. Das ist die Folge. Uns droht der sichere Weg in eine katastrophale Versorgungslücke. Das wissen in der Praxis alle. Die Politik muss uns zuhören.

Mutmaßlich nicht den allergrößten Spareffekt, aber trotzdem große Auswirkungen könnten die verpflichtenden Zweitmeinungsverfahren haben. Wie realistisch ist dieses Vorhaben?

Pennig: Das Zweitmeinungsverfahren ist nicht zu Ende gedacht. Diese Maßnahme ist getriggert durch ein fundamentales Misstrauen gegenüber einer gestellten Diagnose und dementsprechend der Handlungskompetenz des Mediziners. Wenn sich Erst- und Zweitmeiner nicht einig sind, soll dann der Medizinische Dienst den Schiedsrichter spielen? Das ist ein bisschen wie beim Fußball und dem VAR (Videoschiedsrichter, Anm. d. Red.). Die Diskussion wollen Sie in der Medizin nicht erleben. Im Fußball ist das alles andere als schön. Wirkt das souverän? Nein. Macht es das ganze Spiel besser? Nein. Außerdem: Wer soll das alles leisten? Nehmen Sie den Bereich Orthopädie/Unfallchirurgie. Wir rechnen damit, dass wir etwa 240.000 Zweitmeinungsverfahren pro Jahr durchlaufen müssten. Dafür fehlen uns die Kapazitäten. Sollen wir KI-gestützte Zweitmeinung machen? Ich glaube, das wäre nicht vermittelbar. 

Zeit ist auch ein Faktor.

Pennig: Der Patient geht mit seinem Problem zum Haus- oder Facharzt und lässt sich beraten. Diese Beratung schließt Bildgebung mit ein. Womöglich wird dem Patienten gesagt, was er für Möglichkeiten hat. Wenn der Arzt ein neues Hüftgelenk vorschlägt, fragt der Patient: „Wann denn?“ Der Arzt antwortet in der Regel, dass er noch ein bisschen Zeit überbrücken kann. Er wird ihn aber darauf hinweisen, dass seine Muskelmasse schwindet. Dieser Abbau der Muskelmasse ist für das Ergebnis einer Versorgung ungünstig bis sehr ungünstig, vor allem, wenn der Eingriff durch ein Zweitmeinungsverfahren weiter verzögert wird. 

Günstiger wird es auch nicht, wenn der Zweitmeiner vielleicht auch noch mal eine Diagnostik anordnet und selbst noch einmal gründlich untersucht?

Pennig: Was auch verständlich ist. Ich operiere doch kein Röntgenbild, sondern einen Menschen.

In ihrer kurzen Amtszeit hat es Frau Warken immerhin geschafft, das Krankenhausreformanpassungsgesetz durchzubringen. Ist die Reform jetzt wirklich „gangbar“? Finden Sie die Chirurgie im Leistungsgruppen-Gerüst adäquat dargestellt? 

Pennig: Leistungsgruppen sind sinnvoll, wenn sie zur Zentralisierung der komplexen chirurgischen Eingriffe, beispielsweise an der Bauchspeicheldrüse, beitragen. Das muss man mit Mindestmengen koppeln und einer Verbesserung der Infrastruktur. Es nutzt nichts, wenn Sie hochkomplexe Eingriffe am Bewegungsapparat durchführen lassen, aber keine Intensivstation in dieser Einheit haben. Zudem bringt es nichts, wenn eine Klinik neben den hochkomplexen Eingriffen keine Standardchirurgie mehr anbieten darf. Wo soll ich die Leute denn qualifiziert und kompetent aus- und weiterbilden?

Also beißen sich hochgradige Spezialisierung und herkömmliche Weiterbildung?

Pennig: Genau. Die meisten Eingriffe aus dem Weiterbildungskatalog werden in den ersten drei bis vier Jahren oft im ambulanten Setting durchgeführt. Das heißt auf der einen Seite, dass die Krankenhäuser diese Einheiten aus- oder anbauen – schwierig in Deutschland. Auf der anderen Seite heißt es, dass wir Strukturen schaffen müssen, die einen Weiterbildungsverbund organisieren. Dazu hat der Berufsverband der Deutschen Chirurgie ein Konzept entwickelt. Wir zeigen, wie aus chirurgischen Assistenten die Fachärzte werden, die sie werden wollen. Das Leitpapier ist mit der Bundesärztekammer abgestimmt. Die Weiterbildung sorgt uns generell.

Warum?

Pennig: Wenn ich jetzt anfange, eine junge Kollegin auszubilden, dann ist diese 23 oder 24 Jahre alt. Beim ersten Facharzttitel wäre sie 29 oder 30 Jahre. Bis sie selbstständig verantwortlich und auch unter kritischen Bedingungen arbeiten kann, vergehen bestimmt noch einmal fünf Jahre. Dann ist sie 35. Rechnen Sie das hoch. Wenn wir uns jetzt nicht auf den Weg machen, wird das ganze System vor die Wand fahren. Diese Regierung muss das begreifen und auf die Anwender aus der Praxis hören. Das sind wir. Deswegen erheben wir unsere Stimme und bieten in dem Zusammenhang natürlich unsere Mitarbeit an.

Nicht zuletzt das Deutsche Krankenhausinstitut hat in seinem aktuellen Krankenhaus-Barometer bescheinigt, dass die Ambulantisierung weiter Fahrt aufnimmt. Wie nehmen Sie das wahr? Sprießen die ambulanten OP-Zentren jetzt aus dem Boden?

Pennig: In bestimmten Bereichen haben wir das schon lange. Nehmen Sie die Augenheilkunde. Das hat sich alles bereits gewandelt. Aber das geschah mit Rückenwind einer wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn Sie wollen, dass ambulante Eingriffe, die ambulant durchführbar sind, gemacht werden, müssen Sie es finanziell hinterlegen. Man kann nicht befehlen: „Ihr müsst das jetzt machen, aber welche Erlöse es dafür gibt, das wissen wir noch nicht genau.“ Überlegen Sie einmal, ein Unternehmen würde so planen.