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01.05.2017

Ökonomisierung der Medizin

Über das Phänomen der „Ökonomisierung der Medizin“ diskutieren derzeit Diabetologen genauso intensiv wie Onkologen oder Gynäkologen auf ihren Kongressen. Sie alle wehren sich gegen ein Denken, das den Arzt als reinen Dienstleister, den Patienten als Kunden und die Behandlung als „eine Ware in einem betriebswirtschaftlich ausgerichteten Prozess, den es nach arztfremden Kriterien zu optimieren gilt“*, versteht. Allerdings ist der Begriff der Ökonomisierung nicht unumstritten. Kritikern zufolge suggeriert er, dass die Medizin ein ökonomiefreier Raum sein könne. Dabei sei jede medizinische Entscheidung auch eine über den Verbrauch von Ressourcen.
Einige Schlaglichter auf eine komplexe Debatte.

© Lilibella / Fotolia

Ökonomische Überformung der Medizin
Der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, hat 2014 ein Buch veröffentlicht, in dem er sich mit dem „Geschäftsmodell Gesundheit“ auseinandersetzt. Darin beschreibt er, wie sich die Identität der Medizin aufgrund einer Bemächtigung durch die Ökonomie verändere. Durch eine zu starke Gewichtung des ökonomischen Denkens werde die Medizin als soziale Praxis sukzessive ausgehöhlt. Allerdings weist Maio auch darauf hin, dass eine gute Medizin grundlegend auf ökonomisches Denken angewiesen sei. Es bestehe die Verpflichtung, die aus Abgaben bezogenen Gelder in vernünftiger Weise auszugeben und nicht zu verschwenden. Die Ökonomie schaffe die Ermöglichungsbedingungen und damit die Voraussetzungen für eine effektive Medizin. Es sei aber zu bedenken, dass die Ökonomie ihrer eigenen Logik folge und dass diese mit der Logik der Medizin in Konflikt geraten könne. Je patientennäher der Bereich sei, auf den die Ökonomie Einfluss nehme, desto eher könne es zu einer Kollision verschiedener Logiken kommen.

Ökonomisierung und ärztliches Berufsethos

„Ökonomisierung“, durchaus auch als polemischer Begriff gemeint, bedeutet (...) die Priorisierung wirtschaftlicher Aspekte gegenüber originär medizinischen Aufgaben – die es entsprechend zu definieren gilt, auch die Indikation ist keine festgeschriebene Größe – bei der Krankenversorgung und der Rekrutierung von Ärzten. Das ärztliche Berufsethos hat die Aufgabe, diese Abgrenzung zwischen originär medizinischen Aufgaben auf der einen Seite und externen Anforderungen, im Sinne einer Gesamtheit der gesellschaftlichen Erwartungen an die Ärzteschaft, auf der anderen Seite festzulegen.

aus: Vortrag von Prof. Dieter Birnbacher auf einem Leopoldina-Symposium „Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem“ am 21. Januar 2016


Patientenselektion, Drehtüreffekte und Mengenausweitung
Auch der Deutsche Ethikrat hat sich in seiner Stellungnahme zu „Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus“, vorgelegt im April 2016, mit dem Thema beschäftigt. Er konstatiert, dass durch eine vorrangige Fokussierung auf Ausgabenverringerung seitens der Krankenkassen und Ertragssteigerungen auf der Seite der Anbieter Effekte entstanden seien, die in Hinblick auf das Patientenwohl Anlass zur Sorge geben. Mit der Einführung des DRG-Systems sei der Konflikt zwischen Ökonomisierung und Selbstverständnis der Medizin nicht nur auf der Ebene der unmittelbaren Patientenbehandlung angekommen, sondern habe sich auch verschärft. Als konkrete Entwicklungen nennt der Rat: Konzentration der Häuser auf besonders standardisierte Therapien, weite Indikationsstellung für solche Fälle sowie Vermeidung der Behandlung von komplikationsbehafteten Krankheiten (Mengenausweitung, Patientenselektion). Er erwähnt auch den Trend zur kurzzeitigen Entlassung und Wiederaufnahme von Patienten oder zur Verlegung der Kranken in andere Kliniken mit bereits eingeplanter Rückübernahme unter einer anderen Diagnose (Patientenkarussel, Drehtüreffekt).
Die ökonomischen Rahmenbedingungen führten bei Ärzten zu einem hohem Arbeitsdruck. In vielen Fällen werde eine angemessene Patientenbehandlung erschwert, was viele als ethisch problematisch und als nicht vereinbar mit dem ärztlichen Selbstverständnis erlebten, schreibt der Ethikrat.

© Eblobbotronic / Fotolia

Ökonomie soll den Zielen der Medizin dienen
Auch die Wissenschaftsvereinigung Leopoldina hat sich Anfang 2016 auf einem Symposium mit dem Verhältnis von Medizin und Ökonomie auseinandergesetzt. Sechs Teilnehmer haben anschließend ein Diskussionspapier veröffentlicht, darin wollen sie verbreitete Annahmen über ökonomisches Handeln in der Medizin hinterfragen. Sie machen deutlich, dass eine wirtschaftliche und effiziente Gestaltung des Gesundheitssystems ethisch geboten sei, solange die Ökonomie den Zielen der Medizin diene. Wörtlich heißt es: „Wenn aber die Rahmenbedingungen so gesetzt sind, dass ökonomische Handlungsmaßstäbe medizinische Entscheidungen dominieren, werden die Grenzen ökonomischer Prinzipien im Gesundheitswesen überschritten. Das grundlegende Verhältnis zwischen Medizin und Ökonomie darf nicht umgekehrt werden.“

Die Debatte wird momentan weiter geführt. Festzuhalten bleibt aber, dass eine bloße Konfrontation von Medizin und Ökonomie wenig sinnvoll erscheint. Vielmehr geht es darum, wie das Verhältnis beider Systeme im Sinne einer guten medizinischen Versorgung zu gestalten ist – eine Herausforderung, der sich auch die Politik stärker stellen muss.

* Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vom 4.10.2012